Hypercrisis (Josef Dabernig)
Hypercrisis (Josef Dabernig)

Hypercrisis

A 2011, 35mm, Farbe, 17 min
Regie, Buch, Schnitt und Produktion: Josef Dabernig
Kamera: Christian Giesser
Sound design: Elisabeth Hildebrandt, Michael Palm
Musik: Giuseppe Verdi, Can (bis/until 30.11.2016), Iulian Patranoiu (von/from 1.12.2016)
DarstellerInnen: Harutyun Alpetyan, Arusiak Arevshatyan, Eduard Arevshatyan, Ruben Arevshatyan, Shushan Arevshatyan, Josef Dabernig, Wolfgang Dabernig, Angela Dolidze, Alfons Egger, Goschka Gawlik, Isabella Hollauf, Zaruhi Hovhannisyan, Christian Kravagna, Gagik Nshanyan, Karen Poghosyan, Daniel Shvelidze, Konstantin Shvelidze, Murtaz Shvelidze, Ingeburg Wurzer, Otto Zitko
Förderung: if innovative film Austria, Kulturabteilung der Stadt Wien, Galerie Andreas Huber, Wien

Synopsis

The former recreation home for Soviet cinematographers in the South Caucasus has been repurposed to accommodate writers. But that does not seem to work very well either. At present, only Boris Martow from Moscow, a talent from the promising times of the perestroika, is on the guest list.

Amidst the faded glory of the institution for privileged artists, the poet tries to overcome his continuing creative crisis. There is little support from the staff of the house. Especially the higher ranking live in the lap of luxury. They appear to primarily satisfy their own desires instead of meeting the wishes of others.

Nevertheless a joint celebration is organized. In the institution’s own cinema, however, the system ultimately shows its true colours. The indisposed audience is bored by the musical performance of the highly gifted twins Arevshatyan, and the nervous crisis of the poet reaches a low point just at the time of the celebration.

Josef Dabernig

Das ehemalige Erholungsheim der sowjetischen Filmschaffenden im Südkaukasus wurde umgewidmet und beherbergt nun Literaten. Auch das scheint nicht mehr optimal zu funktionieren. So findet sich gegenwärtig nur die Moskauer Nachwuchshoffnung aus der Zeit der Perestroika Boris Martow auf der Gästeliste.

Im verblassten Glanz der Anstalt für privilegierte Künstler versucht der Dichter seine anhaltende Schaffens- und Konzentrationskrise zu überwinden. Wenig Unterstützung kann ihm dabei das Personal des Hauses bieten. Insbesondere die höhergestellten Herren haben es sich wie die Maden im Speck eingerichtet. Sie scheinen primär eigenen Genüssen anstatt fremden Wünschen nachzukommen.

Dennoch wird eine gemeinsame Feier organisiert. Im Kinosaal der Anlage kommt es zum Showdown des Systems: Das indisponierte Publikum langweilt sich bei der Musikdarbietung der hochbegabten Zwillingsschwestern Arevshatyan und des Dichters Nervenkrise erreicht just während der Feierlichkeit einen neuen Tiefpunkt.

Josef Dabernig

Reviews

Nomination Statement for the award European Film Academy Short Film 2011, selected by the Orizzonti Jury of the 68th Venice Film Festival, chaired by Jia Zhangke and composed of Stuart Comer, Odile Decq, Marianne Khoury, and Jacopo Quadri:

“As the world remains suspended in a waiting game with unpredictable outcome, Dabernig presents a clever, concise examination of creative block and cultural entropy”

“Mentre il mondo rimane sospeso in un gioco di cui l’esito è incerto, Dabernig presenta una intelligente, sintetica analisi di un blocco creativo e di una crisi culturale”

Diagonale-Preis Innovatives Kino 2012 (gestiftet von Kulturressort der Stadt Graz und Golden Girls Filmproduktion)

Die Begründung der Jury, bestehend aus Catherine Colas (ZDF/Arte Redaktion Spielfilm/Kurzfilm, FR), Arjon Dunnewind (Director Impakt Festival, NL) und Constanze Ruhm (Künstlerin/Filmemacherin, AT):

Der Film „Hypercrisis“ zeigt das Bild eines geschützten Territoriums als Teil einer Gesellschaftsordnung, die heute nicht mehr existiert. In einem ehemaligen Erholungsheim der sowjetischen Filmschaffenden im Südkaukasus wurden die Fimkünstler/innen dazu aufgefordert, sowohl zu „genießen“ als auch produktiv zu sein. Der Film nimmt diesen historischen Umweg, um auf eine zeitgenössische Welt zu verweisen, in der inzwischen jeder dazu aufgerufen ist, „kreativ“ zu sein.

Auch die Rolle des Künstlers/der Künstlerin hat sich inzwischen gewandelt, so wie der reale, aber auch symbolische Zustand der modernistischen Architektur, die der Film zeigt, und die damit verbundenen und verschwundenen Utopien. Dabernig inszeniert seine mit merkwürdigen Dingen beschäftigten, störrischen Stipendiat/innen innerhalb eines historischen Vakuums, das von Musik durchweht und manchmal befallen wird; er erzeugt so eine inhaltliche wie auch strukturelle Rhythmik, die sich auf allen Ebenen des Films wiederfindet.

Der ironische Gestus, die scheinbare Leichtigkeit und gleichzeitig große Melancholie des Films, seine aus der Zeit gefallenen Darsteller und Darstellerinnen, die Art, wie hier ein verlöschender Raum noch einmal zum Leben erweckt wird – all dies hat die Jury davon überzeugt, dass Josef Dabernigs „Hypercrisis“ den Preis für Innovatives Kino erhalten soll.

...Pulled into this comic orbit-cum-exhibition* as a framing narrative, Josef Dabernig’s Hypercrisis (2011) more than smirks at torpid bureaucracies, and hints at other concepts in the show’s core vocabulary.

In this film-essay, the contemporary afterlife of a real, but vestigial, institution and its dilapidated home in today’s Armenia are surveyed by Dabernig’s patient and relentless camera. Set up in Soviet times, the site in question was designed as a work retreat for talented cinematographers to recharge, yet in the film, the only person in “official” residence is a sole writer suffering from a nasty case of writer’s block. The entire administrative staff of the retreat surrounds this unproductive figure, though instead of catering to the guest and his needs, they are rather busy indulging in grand feasts and basically having the run of the decaying place. Tellingly the film, which features a writer who isn’t able to write, lacks any dialogue.

Yet the visual story set up by the close framing of the camera and the expert pacing of the film’s editing is twinned with the sound track so as to advance the plot by other means. The parvenu staff is shown dining accompanied by Verdi’s Requiem—a funeral mass—while the writer listens in isolation to the Krautrock band Can (even though he “can’t”). The writer never proves a hero who can rise above his creative crisis—nor do the musicians, who in the ultimate scene bore the audience with a lackluster performance in the retreat’s disused cinema. Here the avenging angels are the film and Dabernig himself. Both, after all, manage to synthesize the atomized functions of photography, scripting, and score through the role of direction, and thus condemn the lack of leadership in the micro-society that is our setting...

Adam Kleinman
*Monday Begins on Saturday, Bergen Assembly, Bergen
Art Agenda, 3.9.2013
http://www.art-agenda.com/reviews/%E2%80%9Cmonday-begins-on-saturday%E2%...

Angesiedelt in einem ehemaligen Erholungsheim für sowjetische Filmschaffende im Südkaukasus, das nun Literat/innen beherbergt, schildert der Film den Kampf eines Schriftstellers gegen eine Nervenkrise. Um innere Zustände nach außen zu kehren, spielt Dabernig, dessen Film in der Kategorie Kurzfilm für den Europäischen Filmpreis nominiert war, virtuos mit Raum, Tonspur und Kulinarik.

Diagonale 2012, Festivalzeitung

Der Film „Hypercrisis“ des Wiener Künstlers Josef Dabernig fiel den Juroren der Filmbiennale in Venedig so positiv auf, dass sie ihn für den Europäischen Filmpreis nominierten. Ein lautes Lob für ein leises Werk.

GUT Josef Dabernig Erkannt
Falter 37/11, Feuilleton, S. 27

… Auch der Österreicher Josef Dabernig brachte eine ebenso kurze wie eindringliche Arbeit nach Venedig, die aus der Architektur genuin filmische Wirkung schlug: Der Raum gibt der Zeit im Kino erst ihre Tiefe. … Josef Dabernig legte mit „Hypercrisis“ eine neue seiner lakonischen Schauplatzstudien vor – das Dokument eines Orts, der da zugleich als Bühne sonderbarer Inszenierungen fungiert. Nahe der armenischen Kleinstadt Dilijan fand Dabernig ein ehemaliges Sowjet-Künstlererholungsheim, in das er sein Ensemble schleuste (mit dabei: der Maler Otto Zitko) und mit ihm dort eine Reihe rätselhafter Rituale arrangierte. 17 Minuten lang wird in „Hypercrisis“ spaziert, herumgelungert, vor allem aber gegessen, werden Knackwürste aus Töpfen gehoben und allerlei Gemüsevariationen verzehrt. „Hypercrisis“ ist nicht zuletzt ein Akt der Konservierung sowjetischer Architektur: Die fantastische Location des Films wurde wenige Tage nach Ende der Dreharbeiten einem Umbau unterzogen und damit wohl unwiederbringlich zerstört. Das Kino hat die Macht, Vergehendes zu bewahren und seine schönen Einzelteile zu betonen: In Dabernigs Ennui-Komödien erscheinen Musik, Baukunst, Design und Schauspiel gleichrangig, kein Element überstrahlt das andere und allen und allem wird hier ironisch Gerechtigkeit getan. …

Stefan Grissemann
Krisenkonferenz – Sowjet-Knackwürste und 65 falsche Hitlers: Österreichische Filmkünstler brachten ihre bizarren neuen Werke an den Lido
Profil Nr.37, 42.Jg., 12.9.2011, S. 111

Josef Dabernig verschränkt in seinem 17-minütigen Film „Hypercrisis“ Musik aus dem Requiem Giuseppe Verdis mit knüppelharter Perkussion von Can. Zwei Welten stehen sich auch auf der Leinwand gegenüber: Die faulenzenden und schlemmenden Ärzte eines Erholungsheims im Südkaukasus und der durch eine verschneite sozialistische Ruinenlandschaft stampfende Moskauer Schriftsteller, der an einer Schreibblockade leidet. Kränkelt die Gesellschaft, ist auch der Künstler in der Krise, wie sollte es anders sein?

Jens Hinrichsen
Eindrücke vom Filmfestival Venedig (3)
Monopol – Magazin für Kunst und Leben