Lancia Thema (Film Still)

Lancia Thema

A 2005, 35mm, Farbe, 17 min
Regie, Buch, Schnitt und Produktion: Josef Dabernig
Kamera: Christian Giesser
Tongestaltung: Michael Palm
Darsteller: Josef Dabernig
Förderung: if innovative film Austria, ORF Film/Fernsehabkommen

Synopsis

Eine Reise mit dem PKW ins Niemandsland des Garten Eden: Die Fahrerperspektive zeigt in regelmäßigen Intervallen altersschwache Pinienalleen, schlecht sanierte Bergstraßen, erodierte Hänge und vernachlässigtes Kulturland. Aus dem Autoradio stellen Fragmente des Belcanto die wehmütige Referenz zur Wiege der abendländischen Kultur her.

Mehrmals wechselt die Kamera in die Landschaft, die Fahrt wird unterbrochen und der Fahrer steigt aus. Er fotografiert bei jedem Stop seinen Wagen. Während dieser Shootings schwenkt die Kamera langsam vom Protagonisten weg und streift über ausgesuchte Motive von kultureller Prägnanz: Eine verlassene Piazza, ein erdbebensanierter Stadtteil, das Betonskelett des Municipio oder die Sedimentierung von Geschichte im Gefüge einer Mauer.

Es kommt zu einer doppelten Fetischisierung über den Blick: bezüglich Architektur und Landschaft mittels der Filmkamera ― betreffend dem Geheimnis des Autos über den Fotografen. Darüber schweben in einer Meta-Dialektik die historischen Codes der Opernzitate und eines zweiten Genres, welches über den Input elektronischer Sphären die Antike mit der Moderne versöhnt.

Josef Dabernig

“A journey by car into the no man’s land of the Garden of Eden” – Josef Dabernig uses this terse statement to describe his enigmatic short film Lancia Thema. Why enigmatic? Because we, the audience, as so often happens with the oeuvre of this filmmaker and visual artist, are made observers of episodes which do nothing to transport us into a “story,” or even provide a solution in the form of a point or surprising turn of events. In the Dabernig universe “plot” signifies a period of time which we enter abruptly and leave in the same manner. Everything that happens follows systems of order, conforms to patterns which remain outside us. They are part of his characters, are derived from reasons that are never explained, and follow the pathways of the spaces they inhabit or pass through.
Lancia Thema is a film of a trip along unfamiliar landmarks and with an unusual destination. The close-mouthed protagonist (Dabernig himself) passes through a deteriorating Mediterranean countryside in the eponymous sedan, then stops suddenly, gets out and takes a picture of his car. Like the actions of the staff in WARS, the driver’s movements (and the film’s as well) follow ritual patterns: The self-absorbed driving (accompanied by bel canto arias playing on the radio) always leads to a photo session, while the camera abandons man and car, turning its attention to the surrounding countryside in meticulous pans. The title’s simplicity (it makes no claim other than what actually happens) equals the complexity of the associations, ideas and images the film triggers: layers of time (in architecture and the musical references), culture (the Mezzogiorno and its history of political and cultural shifts) and, not least, photography and its dual existence between documentation and fantastic storytelling.

Michael Loebenstein for sixpackfilm

„Eine Reise mit dem PKW ins Niemandsland des Garten Eden“ – in knappen Worten beschreibt Josef Dabernig selbst seinen rätselhaften Kurzfilm Lancia Thema. Warum rätselhaft? Weil wir, das Publikum, wie so oft im Oeuvre des Filmemachers und Bildenden Künstlers, zu Beobachtern von Episoden werden, die die Überführung in eine „Geschichte“, ja selbst die Auflösung in Form einer Pointe oder überraschenden Wendung, verweigern. „Handlung“ bedeutet im Dabernig-Universum, Teil eines Zeitlaufs zu sein, den man abrupt betritt und aus welchem man ebenso unvermittelt wieder entlassen wird; was passiert, gehorcht Ordnungssystemen, folgt Schemata, die uns äußerlich bleiben. Sie gehören seinen Figuren, leiten sich von Gründen ab, die unerklärt bleiben, folgen den Bahnen der Räume, die sie bewohnen oder durchreisen.

Lancia Thema ist ein Reisefilm entlang ungewöhnlicher landmarks und mit eigenwilligem Ziel. Der schweigsame Protagonist (Dabernig selbst) durchquert in der titelgebenden Limousine verfallende, mediterrane Landschaften, um unvermittelt anzuhalten, auszusteigen und seinen Wagen zu fotografieren. Wie die Handgriffe des Personals in WARS folgt auch die Bewegung des Fahrers (und des Films an sich) rituellen Mustern: Die selbstversunkene Handhabung des Wagens (zu Belcanto-Arien aus dem Radio) mündet jeweils in eine Fotosession, während der die Kamera Mann und Wagen verlässt und sich in exakten Schwenks des Umlands annimmt. So simpel der Titel ist (er behauptet nichts außer dem, worum es geht), so komplex sind die Assoziationen, Gedanken und Bilder die der Film freisetzt: Schichten aus Zeit (in der Architektur, den musikalischen Referenzen), Kultur (der Mezzogiorno und seine Geschichte kultureller und politischer Verwerfungen) und, nicht zuletzt, die Fotografie und ihr Doppelleben zwischen dokumentarischer Zeugenschaft und fantastischem Fabulieren.

Michael Loebenstein für sixpackfilm

Reviews

Little known in North America, Josef Dabernig is an established photographer and filmmaker whose sense of the uncanny is matched by a rigorous practice. In Lancia Thema, a mysterious man travels through an unsigned European landscape in the titular vehicle. Though shot in the tradition of European art cinema (Antonioni’s Red Desert and The Passenger come to mind), the film playfully raises narrative expectations that become increasingly untenable.

Andréa Picard & Chris Gehman
Wavelengths, 31st Toronto International Film Festival, 2006

Lancia Thema, de Josef Dabernig
O sentido do romantismo alemão recorrentemente volta à tona nos filmes do Festival. O encontro, o choque entre o humano e o natural, ou o “naturalizado" (cidades, países) é um interesse de Oberhausen – que, em Lancia Thema encontra uma espécie de experiência direta. São minutos seguidos de um homem que dirige seu carro por paisagens italiano, parando de tempos em tempos e tirando fotos de seu carro na paisagem. Ao mesmo tempo em que vemos a repetição de seu gesto auto-complacente, a câmera de cinema flutua, se livra, e filma as paisagens em torno de si, encontrando pedras, construções abandonadas, paisagens vastas. É um jogo de experimentação de imagens, brincando com a sonoridade de uma ópera romântica, levando ao cabo uma questão que parece estar no foco do interesse do Festival: que tipo de narração, encantamento visual e experiência o cinema ainda pode dar? O que pode ainda o visual? Lancia Thema não responde, mas acorda a pulga atrás da orelha, com uma proposta um tanto cínica, um tanto brilhante.

Felipe Bragança
(aus: Diário de Bordo - Oberhausen, parte 2, Cinética
http://www.revistacinetica.com.br/oberhausen2.htm)

Der neue Film von Josef Dabernig gehört stets zum Pflichtprogramm eines Diagonale-Besuchs: Man darf sich an klaren kinematografischen Strukturen erfreuen, verschmitzten Wechselspielen von Bild und Ton – und auch der Schmäh kommt nicht zu kurz. In „Lancia Thema“ fährt Dabernig über mediterrane Autobahnen und Landstraßen, hört sich dabei Arien von Verdi und Bellini und die „Winterreise“ von Schubert an, bleibt hin und wieder stehen, steigt aus und fotografiert seine italienische Karosse. Dann wird in die Landschaft geschwenkt und in den Himmel; auf einmal kräht ein Hahn.

Christian Cargnelli
Schmäh, Struktur & Politik, Falter 13/06

Hallo,

auf der Suche nach weiterem Material für meine "Lancia-Filmothek" bin ich im Internet auf folgenden unerwarteten Fund gestoßen:

Der österreichische Filmemacher Josef Dabernig hat in diesem Jahr den Kurzfilm "Lancia Thema" im Rahmen des Kurzfilmprogramms "The Influence of Light" vorgestellt. Da ich wohl leider nicht den Festivals beiwohnen kann, wo dieser Film gezeigt wird, muss ich mich auf die bloßen Inhaltsangaben zum Film stützen:

Eine Reise mit dem PKW ins Niemandsland des Garten Eden: Die Fahrerperspektive zeigt in regelmäßigen Intervallen altersschwache Pinienalleen, erodierte Hänge und vernachlässigtes Kulturland. Aus dem Autoradio stellen Fragmente des Belcanto die wehmütige Referenz zur Wiege der abendländischen Kultur her. Mehrmals wechselt die Landschaft, die Fahrt wird unterbrochen und der Fahrer steigt aus. Er fotografiert bei jedem Stopp seinen Wagen. Während dieser Shootings schwenkt die Kamera langsam vom Protagonisten weg und streift über ausgesuchte Motive von kultureller Prägnanz: Eine verlassene Piazza, ein erdbebensanierter Stadtteil, das Betonskelett des Municipio oder die Sedimentierung von Geschichte im Gefüge einer Mauer. (Josef Dabernig)
Teil des Kurzfilmprogramms The Influence of Light (Text: Viennale 2005)

Eine unerwartete späte Ehre für die "Diva". Insbesondere bei Rolf und Cutrofiano (die ich hier stellvertretend für alle Verehrer der Diva nennen möchte) werden sich wohl Beschwerden über schlechtes Kino- und Fernsehprogramm - so es denn solche gegeben haben sollte - zukünftig in Grenzen halten...

Noch einen schönen Sonntag Abend!

Christoph

Autor: Christoph W. (---.lrz-muenchen.de) Datum: 06.11.05 17:12

...der Kärntner Josef Dabernig hält in "Lancia Thema" eine trostlose Pkw-Reise fest...

Viennale 05: Das Angebot in Rot-Weiß-Rot
APA 10/2005