Rosa coeli (Film Still)

Rosa coeli

A 2003, 35mm, s/w, 24 min
Regie, Buch, Schnitt und Produktion: Josef Dabernig
Text: Bruno Pellandini
Stimme: Branko Samarovski
Kamera: Christian Giesser
Tongestaltung: Michael Palm
Darsteller: Wolfgang Dabernig, Kurt Fellinger, Thomas Schmid, Josef Dabernig
Förderung: if innovative film Austria, ORF Film/Fernsehabkommen

Synopsis

Ein Mann erinnert sich, aus dem Off, an seine Kindheit in einem mährischen Dorf, in das er zurückkehrt, um seinen Vater zu beerdigen. Die Geschichte seiner Familie spiegelt das wechselvolle Schicksal einer mitteleuropäischen Siedlung über die Jahrhunderte hinweg. Es ist von Krieg und Migration die Rede, von Menschen und Natur, vom Niedergang des Klosters Rosa Coeli und von der heilsamen Wirkung des Weines.

Während Pellandinis Text – regelmäßig über den Film portioniert – von starren Kameraeinstellungen örtlicher Motive und Hotelinterieurs anti-illustriert wird, schiebt sich die Männerstory wie eine Groteske zwischen die sprachlichen Erinnerungsbilder. Immer wieder drängen sich Scheinbezüge zwischen Wort und Bild und hinterlassen - mit dem ständigen Oszillieren zwischen Gefühl und Struktur - die Irritation eines zynischen Spiels um die dialektischen Tiefen von Geschichte und Moderne.

Josef Dabernig

Reviews

Josef Dabernig’s film treatises on absence and presence established his reputation on the international art scene as an art film director and fine artist. In Rosa Coeli, different motifs are linked in a composite plot: one strand shows scenes from a train journey to a hotel in an industrial village in the mountains. The place can easily be localized as one with a Socialist past. With no audience and no media, the backdrop of this dilapidated Eastern bloc Modernist hotel, where the main protagonist meets two other men—both physically handicapped like himself—to sit silently and sign a document at a table decorated for the ceremony, is the second main character in Rosa Coeli. In a rhythmic sequence of scenes, the act of signing the document and the design history of the hotel unfold. With determined relaxedness and unerringly mechanical routine, Dabernig’s amateur actors play out this double plot that boils down to nothing but their almost eerie presence.

Georg Schöllhammer
Kontakt. The Art Collection of Erste Bank Group

Auch eine (imaginäre) Rückkehr in eine einst vertraute Gegend kann zu befremdlichen Situationen führen, wie in Rosa coeli, einem Film, an dessen Beginn eine Reise steht: Ein Mann fährt mit dem Zug. Aus dem Off erzählt jemand von dem Ort, in dem er seine Kindheit verbracht hat und den er nun, nach langen Jahren der Abwesenheit, wieder aufsucht. Von seinem Widerwillen, in das kleine mährische Dorf zurückzukommen und dessen Bewohner wieder zu treffen, ist die Rede und von seiner Angst davor, dass sich dort in all der Zeit nichts verändert haben könnte. Als der Mann schließlich den Zug verlässt, hat die Ortschaft kaum Ähnlichkeit mit dem, was man aufgrund der Beschreibung des Erzählers hätte erwarten können. Die nüchternen Schwarzweißaufnahmen von mehrstöckigen Wohnhäusern aus Beton und leeren schmucklosen Straßen bilden vielmehr einen Kontrast zu dem stark stilisierten Text von Bruno Pellandini, der auf der Tonspur weiterläuft. Die getragene Stimme des Erzählers, dessen Kindheitserinnerungen sich allmählich mit den historischen Ereignissen seiner Heimat vermischen, wird durch lange, statische Einstellungen von sozialistisch-modernistischen Hotelinterieurs konterkariert. Regisseur Josef Dabernig konfrontiert also in Rosa coeli leere Räume und unbewegte Aufnahmen einer nicht näher benannten osteuropäischen Kleinstadt mit einer überbordenden Erzählung aus dem Off. Bisweilen hat es den Anschein, als bestünden doch Beziehungen zwischen dem Gesagten und dem Gezeigten, als wären diese Orte Schauplätze oder zumindest Zeugen dessen gewesen, was erzählt wird. "Beinahe alles hätte so oder auch anders verlaufen können in meinem Leben; es gibt so viel Beliebigkeit, dass ich beim besten Willen kein Schicksal darin ausmachen kann", sagt schließlich der Erzähler und entlarvt die scheinbaren Übereinstimmungen als den Wunsch der Menschen, in jeder Zufälligkeit eine Ordnung zu sehen und in der losen Aneinanderreihung von Begebenheiten Zusammenhänge zu erkennen.

Aki Beckmann
kolik - sonderheft 1/2004 film

In Josef Dabernigs feinem Film „Rosa coeli“ wird männliches Rollenverhalten auf zwei Ebenen sichtbar: Während die Bilder das wortkarge Treffen zweier Geschäftsmänner in einem östeuropäischen Hotel zeigen, steuert der Ton eine Art Hörspiel bei. Darin erzählt ein Mann von der Reise zum Begräbnis seines Vaters und den Erwartungen, mit denen er in seinem Heimatdorf konfrontiert ist.

Nicole Scheyerer
Körper, Codes und Kreative, Falter 9/04

Vielleicht ist die Viennale das letzte große Festival, das mit seinen wunderbaren City-Kinos und dem subtil ausgewählten Programm die Cinephilie pflegt, jene schwer definierbare Haltung dem Kino und dem Leben gegenüber, die mehr ist als bloßes Fantum. Man spürt es in Wien zwischen den Filmen, dieses Gemisch aus Leidenschaft und Kritik, Sensibilität und Melancholie, das die cinephile Grundstimmung ausmacht. Eine fast rebellenhafte Liebe zu den Bildern auf der großen Leinwand zeigt sich hier, als Gegenpol auch zum digitalen Home Entertainment und seiner Vergrößerung in Cineplex-Palästen. Eine überraschende Liebe ist das, die beispielsweise aufweist, dass eine Trash-Perle wie Amando Bos „Fuego“ und der neue Straub-Huillet-Film „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes/Gedemütigt“ in Erzählweise und Autorenhaltung zwei Seiten einer Medaille sein können. Ein älterer Film des wilden Japaners Koji Wakamatsu steht in Wien neben dem neuen Emigholz, über Amerika und Architektur („Goff in der Wüste“), und einem schönen spröden Kurzfilm wie „Rosa coeli“ von Josef Dabernig. Und die drei Filme ergeben plötzlich im Kopf des Zuschauers eine kleine Schule der Wahrnehmung, ein Triptychon über Raum und Erinnerung. ...

Hans Schifferle
Süße ohne Zucker. Architektur, Trash, Kochkunst – der Endspurt der Viennale
Süddeutsche Zeitung, 27.10.2004