Stabat Mater (Filmstill)
Stabat Mater (Filmstill)
Stabat Mater (Filmstill)
Stabat Mater (Filmstill)

Stabat Mater

A/D/CH 2016, 35mm, s/w, 16 min
Regie, Buch, Schnitt und Produktion: Josef Dabernig
Kamera: Christian Giesser
Text: Bruno Pellandini
Sprecher: Andreas Patton
Musik: Christoph Herndler
Tongestaltung: Michael Palm
DarstellerInnen: Immacolata Giuseppa Cozza, Josef Dabernig, Otto Dabernig, Wolfgang Dabernig, Emma Gruber, Sabine Gruber, Isabella Hollauf, Gaetano Milone, Markus Scherer, Kathrin Schulz, Laurence Schulz
Förderung: if innovative film Austria im Bundeskanzleramt Österreich
Co-Produzenten: Badischer Kunstverein Karlsruhe, Kunsthalle Winterthur

Synopsis

Hotel guests look restrained, sedated in the diffuse light of the service provider's shimmering cage. A network of joists, pilasters and fluting exposes the proverbial off-season chill in the seating arrangements. Smart-phones and tablets mask a total lack of communication.

Josef Dabernig

Hotelgäste scheinen im diffus schimmernden Käfig eines Dienstleisters ruhig gestellt. Ein Netz von Unterzügen, Pilastern und Kannelüren fördert im Regime der Tisch- und Sitzordnung die sprichwörtliche Kälte der Nachsaison zu Tage. Smartphones und Tablets kaschieren eine Kommunikation am Nullpunkt. Ihr wortloses Ausharren ist mit einer an Schuberts Stabat Mater angelehnten Orgelkomposition unterlegt.

Indessen bietet der Außenraum hochgradig konturierte Ansichten von nachgerade bildhauerischen Felsformationen und Naturbadeanlagen, während aus dem Off von schicksalhaften Vorgängen auf einer südamerikanischen Rinderfarm erzählt wird, die zunächst von einer monatelangen Dürre, dann von plötzlichen Unwettern heimgesucht wird. Die Off-Geschichte versetzt die Innen-Außen-Dialektik der Bilder in eine Schwebe, die jede eindeutige Verortbarkeit des Geschehens untergräbt.

Josef Dabernig

Reviews

Existenzielle Kälte, Einsamkeit, Unbehaustheit innen wie außen: ein Hotel in der Nachsaison – sprachlose Gäste gefangen in Isolation, repetitiven Gesten, leerem Konsum und einer monumental-sakralen Fassadenarchitektur. Dagegengeschnitten eine karge Insel – schroffe Felsformationen, rissige Mauern, ausgespültes Gestein, das weite, raue Meer. Unterlegt mit Christoph Herndlers Orgel-Lamentoso und einer körperlosen, gedämpften Männerstimme, die Bruno Pellandinis um Verzweiflung, Wunder, Naturkatastrophen und persönlichen Verlust kreisende Erzählung vorträgt, verdichten sich die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bilder dieser unwirtlichen Kultur- und Naturräume zu Seelenlandschaften eines ort- und zeitlosen Individuums – zum kinematografischen Andachtsbild der schmerzerfüllten Mutter.

Michelle Koch, Diagonale Katalog, 2017

... In Stabat Mater springt ein Mädchen Seil auf einer Terrasse, die nicht zu Ende gebaut wurde. Das Thermalbad-Hotel am Meer hat seine besten Tage hinter sich, das Schwimmbad zwischen den Felsen ist ohne Wasser, an den Kanten bröckelt der Beton.

Was zur Ertüchtigung des menschlichen Körpers gebaut wurde, verfällt nun seinerseits. Aber noch sind vereinzelt Gäste zu sehen, sie nehmen ihr Frühstück ein, sitzen auf den Felsen, niemand spricht, nur die Kinder gehen ihren Spielen nach. Aus dem Off erzählt uns dafür der Schweizer Schriftsteller Bruno Pellandini eine Geschichte über die Dürre in Uruguay, über Menschen die warten und hoffen.

Josef Dabernig ist in Wien eine feste Größe, international seit Jahrzehnten an Ausstellungen beteiligt, in Deutschland jedoch kaum bekannt. Das liegt vielleicht an dem konzeptuellen Grundton seines Werks. Wie kann einer Faszination auslösen, der seine Drehbücher und Fotoserien minutiös plant, nichts dem Zufall überlässt, dann aber doch eben dies erreicht: Dass sich die Fantasie des Betrachters von den nüchternen Bildern löst, der Junge sich an den Süßigkeiten erbricht, das Paar am Tisch zu streiten beginnt, der an der Wand lehnende Kellner endlich das gebrauchte Geschirr abträgt.

Die Szenen werden untermalt von Franz Schuberts “Stabat Mater”, einer Bearbeitung für Orgel von Christoph Herndler, was zur gedämpften Stimmung des Films beiträgt. Christliche Trauermusik, verhalten und doch von unerhörter Tiefe, solche Gegensätze scheinen ganz nach dem Geschmack des katholisch sozialisierten Künstlers zu sein. ...

Carmela Thiele
Getidan, 05 02 2017

... Diese Dialektik von gefilmter und konkreter Wirklichkeit sowie zwischen divergent konzipierter Bild- und Tonebene liegt als strukturelles Prinzip dem Großteil von Dabernigs Filmen zugrunde. Typisch sind auch die verfallenen Bauten einer einstmals utopischen Moderne als Filmkulisse, in der die Protagonisten seltsam indifferent aufeinander treffen und sich die Handlung eher schleppend fortbewegt. So auch in seinem neuem FilmStabat Mater, der in einem italienischen Thermalhotel spielt, dessen klassizistisch anmutende Architektur in eine bizarre Felslandschaft eingebettet ist. Innen- und Außenaufnahmen wechseln sich rhythmisch ab, die Atmosphäre gleicht der einer trägen Nachsaison, in der sich die wenigen verbliebenen Hotelgäste dem Nichtstun hingeben. Im Innenraum werden die Bilder von den trauernden Orgelklängen der von Christoph Herndler realisierten Bearbeitung eines „Stabat Mater“-Themas von Schubert begleitet, während die Außenaufnahmen von der Erzählstimme eines von Bruno Pellandini verfassten Textes unterlegt sind. Der Textberichtet von einer Rinderfarm im Angesicht einer katastrophalen Dürre in Uruguay. In Stabat Mater werden so zwei grundverschiedene Erzählungen ineinander montiert, um schließlich – nach Überwindung des Irritationsmoments – zu einer neuen Geschichte zu gelangen. Dieses konzeptuelle Spiel der „lustvollen Narrationsverschiebung“ (Georg Schöllhammer) erlaubt Freiräume der Imagination, die Bild und Ton so zunächst nicht vorgeben. Und tatsächlich liegt ein diffuses Unglück über der Szenerie, ein drohendes Leid, das durch den Schmerz der Mutter Jesu in dem titelgebenden Gedicht „Stabat Mater“ bereits anzuklingen scheint. ...

Anja Casser
Badischer Kunstverein Karlsruhe

... In den drei Filmen [Anm.: Rosa coeli, Herna und Stabat Mater] wirkt der Mensch selbst in Kontexten, in denen man höchste Emotionalität erwarten würde, kontrolliert und kalkuliert. Während die sprachliche Ebene durch ihre formale bis theatralische Strenge eine literarische Qualität gewinnt, lässt derselbe Effekt die Darsteller formelhaft und unzugänglich wirken. Sie performen innerhalb normativer Strukturen korrekt und zweckmässig, doch werden sie gerade dadurch, verstärkt durch das Fehlen eines jeglichen Angebots an unser Einfühlungsvermögen, auf gewisse Weise unerträglich. ...

Oliver Kielmayer
Kunsthalle Winterthur

«Christi Mutter stand mit Schmerzen/ bei dem Kreuz und weint von Herzen/ als ihr lieber Sohn da hing», so beginnt Heinrich Bones Version des titelgebenden, lateinischen Reimgebets. Bei aller Choralhaftigkeit allerdings wird in Dabernigs schwarzweiß gewitztem Klagelied die Trauer nicht von der Kreuzigung hervorgerufen. Sondern von einem Total versagender Kommunikation in der Nachsaison eines Hotels, das wie ein liturgisch geordneter, kalter Käfig für die darin mit elektronischem Schnickschnack vom Wesentlichen abgelenkten Gäste wirkt.

Roman Scheiber, Viennale Katalog, 2016